Selbstführung

Warum kann ich mich nicht entscheiden?

Was fehlende Klarheit damit zu tun hat und warum ein eigener Maßstab Entscheidungen leichter macht

Von Jana Schulze30. August 20268 Min. Lesezeit

Manche Entscheidungen sind erstaunlich hartnäckig. Du hast längst alle Informationen. Du kennst die Vor- und Nachteile. Und trotzdem kommst du zu keinem klaren Ja oder Nein.

Nehme ich den Auftrag an oder sage ich ab? Nutze ich die berufliche Chance oder passt sie gerade nicht in mein Leben? Bleibe ich länger bei der Arbeit oder gehe ich nach Hause?

Manche dieser Entscheidungen triffst du innerhalb weniger Minuten. Andere beschäftigen dich über Tage oder Wochen. Du wägst ab, spielst verschiedene Folgen durch und merkst trotzdem, dass du zu keinem klaren Ergebnis kommst. Bei größeren Entscheidungen holst du dir vielleicht zusätzlich die Meinung anderer ein oder hast dich innerlich schon mehrfach für eine Variante entschieden und sie kurz darauf wieder infrage gestellt.

Und irgendwann kommt der Gedanke: Warum kann ich mich nicht einfach entscheiden?

Wenn du nach einer Methode suchst, mit der du solche Entscheidungen schneller treffen kannst, wirst du viele finden. Pro-und-Contra-Listen, Entscheidungsmatrizen, Fristen oder die Empfehlung, stärker auf dein Bauchgefühl zu hören, können in bestimmten Situationen durchaus hilfreich sein.

In diesem Artikel möchte ich einen Schritt früher ansetzen.

Denn manchmal ist das Abwägen gar nicht der Punkt, an dem die Schwierigkeit beginnt. Eine Entscheidung kann auch deshalb so viel Energie kosten, weil dir nicht klar ist, woran du sie eigentlich messen willst.

Warum selbst klare Optionen keine klare Entscheidung ergeben

Nicht jede Entscheidung, die sich schwer anfühlt, ist auch besonders kompliziert.

Oft kennst du die Fakten. Du weißt, was für die eine Möglichkeit spricht und was für die andere. Du kannst ziemlich gut einschätzen, welche Konsequenzen beide Varianten haben. Und trotzdem kommst du nicht zu einem Punkt, an dem du sagen kannst: So mache ich es.

Gerade im Alltag von Müttern mit einem eigenen Business oder Führungsverantwortung passiert das schnell. Viele Entscheidungen betreffen mehrere Lebensbereiche gleichzeitig.

Ein neuer Auftrag kann wirtschaftlich attraktiv sein und gleichzeitig bedeuten, dass du dein Kind die nächsten Nachmittage wieder nicht selbst abholst. Eine neue Aufgabe kann fachlich reizvoll sein und gleichzeitig deinen ohnehin vollen Alltag noch enger machen. Weniger zu arbeiten kann dir zu Hause mehr Raum geben und sich trotzdem so anfühlen, als würdest du beruflich hinter deinen Möglichkeiten bleiben.

Dann hilft es nur begrenzt, noch ein weiteres Argument auf die eine oder andere Seite zu legen.

Woran willst du deine Entscheidung messen?

Denn irgendwo darunter steht eine andere Frage: Nach welchem Maßstab soll diese Entscheidung eigentlich getroffen werden?

Wenn du selbst nicht klar definiert hast, wie du arbeiten möchtest, welche Rolle dein Business oder dein Job in deinem Leben haben soll und was dir in deiner Rolle als Mutter wichtig ist, fehlt genau dieser Maßstab.

Dann wird aus einer einzelnen Entscheidung schnell eine Grundsatzfrage. Und die musst du jedes Mal wieder neu verhandeln.

Eine Entscheidung ist immer eine Bewertung zwischen verschiedenen Möglichkeiten. Und dafür brauchst du Kriterien.

Was ist dir wichtiger? Was passt zu dem Leben, das du führen möchtest? Welche Konsequenz bist du bereit, in Kauf zu nehmen? Und was wiegt für dich in dieser Situation schwerer?

Wenn diese Kriterien nicht klar sind, wird es schwierig.

Denn ein neuer Auftrag, eine Wachstumschance oder eine berufliche Veränderung ist nicht grundsätzlich richtig oder falsch. Mehr zu arbeiten ist nicht automatisch gut oder schlecht. Auch früher nach Hause zu gehen, einen Auftrag abzulehnen oder eine Aufgabe abzugeben, lässt sich nicht unabhängig davon bewerten, was dir wichtig ist und wie du dein Leben gestalten möchtest.

Wenn du zum Beispiel mit deinem Business wachsen möchtest, kann ein neuer Auftrag oder eine größere Chance gut zu deiner Richtung passen. Im Führungsjob kann es die zusätzliche Verantwortung sein, die du bewusst übernehmen möchtest. Wenn mehr Raum für Familie oder Erholung für dich ebenfalls eine wichtige Rolle spielt, bewertest du dieselbe Chance nach einem weiteren Kriterium.

Deshalb reicht es oft nicht, nur die Vor- und Nachteile einer Option anzuschauen. Du brauchst einen Bezugspunkt, an dem du sie einordnen kannst.

Dieser Bezugspunkt ist im Alltag oft nicht klar genug. Viele Frauen haben sich bisher kaum bewusst damit beschäftigt, wie sie arbeiten möchten, was ihnen in ihrer Rolle als Mutter wichtig ist und welche Prioritäten ihr Leben bestimmen sollen.

Dann beginnt das Abwägen immer wieder von vorn, weil unklar bleibt, welches Argument für die eigene Entscheidung tatsächlich mehr Gewicht haben soll.

Wenn dein eigener Maßstab fehlt, entscheiden andere mit

Wenn dir selbst nicht klar ist, woran du eine Entscheidung ausrichten möchtest, bekommen andere Maßstäbe automatisch mehr Gewicht.

Dann spielen Erwartungen hinein, die du von außen kennst oder längst selbst übernommen hast. Vorstellungen davon, wie eine gute Mutter sein sollte. Ansprüche daran, wie viel du beruflich leisten solltest oder dir überhaupt erlauben darfst. Pflichtgefühl. Verantwortungsbewusstsein. Die Sorge, jemanden zu enttäuschen. Und natürlich auch das schlechte Gewissen.

Gerade bei Müttern mit einem eigenen Business oder viel beruflicher Verantwortung laufen diese Maßstäbe oft gleichzeitig mit.

Im eigenen Business kann die Frage auftauchen: Kann ich mir erlauben, einen Auftrag abzulehnen oder eine Wachstumschance nicht zu nutzen?

Im Führungsjob kann es ähnlich aussehen. Beruflich wäre es sinnvoll, den Termin noch anzunehmen oder eine zusätzliche Aufgabe zu übernehmen. Zu Hause hattest du dir eigentlich vorgenommen, an diesem Nachmittag da zu sein.

Gleichzeitig weißt du, dass dein Alltag ohnehin schon sehr voll ist. Du könntest Nein sagen. Aber dann meldet sich sofort die Frage, ob du dir damit selbst etwas verbaust oder andere im Stich lässt.

Das macht Entscheidungen so anstrengend, weil du nicht nur zwischen zwei Optionen abwägst. Du versuchst gleichzeitig, mehreren Ansprüchen gerecht zu werden, die sich teilweise widersprechen.

Und je weniger klar dein eigener Maßstab ist, desto mehr Gewicht bekommen diese unterschiedlichen Erwartungen bei deiner Entscheidung.

Die eigentliche Frage liegt oft schon vor der Entscheidung

Deshalb lohnt es sich, einen Schritt vor die konkrete Entscheidung zu gehen und sich mit der eigenen Orientierung zu beschäftigen.

Je nachdem, wo du gerade stehst, kann das ganz Unterschiedliches bedeuten: die eigenen Werte klarer zu fassen, ein Zukunftsbild zu entwickeln, die verschiedenen Rollen im eigenen Leben bewusster anzuschauen oder sich überhaupt wieder die Frage zu stellen, wie der eigene Alltag eigentlich aussehen soll. Visionsarbeit und Visualisierungen können dabei helfen, Dinge sichtbar und spürbar zu machen, die im täglichen Funktionieren leicht untergehen.

Dabei geht es auch darum, Denken, Fühlen und Handeln zusammenzubringen. Was halte ich für richtig und sinnvoll? Was fühlt sich für mich tatsächlich stimmig an? Und wie handle ich im Alltag?

Wenn diese Ebenen dauerhaft auseinanderlaufen, kann das ein Hinweis darauf sein, dass etwas noch nicht geklärt ist oder äußere Bedingungen nicht zu dem passen, was dir wichtig ist. Du kannst zum Beispiel überzeugt sein, dass Familie für dich einen hohen Stellenwert hat, deinen Alltag aber regelmäßig so gestalten, dass dafür kaum Raum bleibt. Oder du sagst dir, dass du beruflich etwas verändern möchtest, und merkst gleichzeitig, dass sich die Vorstellung davon für dich gar nicht passend anfühlt.

Klarer über die eigene Richtung zu werden, bedeutet deshalb auch, diese verschiedenen Ebenen ernst zu nehmen und zu schauen, wo sie zusammenpassen und wo Widersprüche liegen. Daraus entsteht nach und nach ein Maßstab, an dem du konkrete Entscheidungen ausrichten kannst.

Muss ich jetzt jede Entscheidung an meiner Lebensvision ausrichten?

Natürlich musst du jetzt nicht jede einzelne Alltagsentscheidung an deinem großen Zukunftsbild prüfen. Nicht jede kleine Entscheidung braucht eine Werteanalyse oder eine grundsätzliche Auseinandersetzung damit, wie du leben möchtest.

Entscheidungen können auch aus ganz anderen Gründen schwerfallen. Einer davon ist mentale Ermüdung durch zu viele Entscheidungen – auch als Decision Fatigue bezeichnet.

Wenn du den ganzen Tag organisierst, priorisierst, Verantwortung trägst, dein Business steuerst oder ein Team führst und immer wieder Entscheidungen treffen musst, kostet das mentale Energie. Irgendwann kann selbst eine banale Frage plötzlich anstrengend werden. Was koche ich heute? Sage ich den Termin noch zu? Mache ich das jetzt noch oder morgen?

Anders ist es bei Entscheidungen, bei denen du immer wieder an denselben Punkten hängen bleibst.

Wenn du bei bestimmten Fragen regelmäßig ins Grübeln kommst, dich zwischen verschiedenen Rollen aufreibst oder immer wieder neu abwägst, obwohl du die Fakten längst kennst, lohnt sich ein anderer Blick. Dann kann dahinter die fehlende Orientierung stehen, an der du diese Entscheidung ausrichten kannst.

Hilfreich ist deshalb die Unterscheidung: Bin ich gerade einfach mental erschöpft oder fehlt mir bei dieser Entscheidung der Maßstab, nach dem ich sie bewerten möchte?

Auch mit Klarheit kann eine Entscheidung unangenehm sein

Auch mit einem klaren eigenen Maßstab werden Entscheidungen nicht automatisch leicht. Du kannst sehr genau wissen, was du möchtest, und trotzdem unsicher sein, ein schlechtes Gewissen haben oder dir Gedanken über die Konsequenzen machen.

Du kannst zum Beispiel wissen, dass du an einem bestimmten Tag beruflich gebraucht wirst, und dich trotzdem schlecht fühlen, weil du dein Kind nicht selbst abholst. Oder du weißt, dass du an einer Stelle eine Grenze setzen möchtest, und findest es gleichzeitig unangenehm, jemanden damit zu enttäuschen.

Klarheit nimmt diese Gefühle nicht einfach weg. Sie hilft dir dabei, diese einzuordnen und ihren Stellenwert für die Entscheidung besser einzuschätzen. Ein schlechtes Gewissen kann da sein, ohne automatisch zu bedeuten, dass deine Entscheidung falsch ist. Unsicherheit kann dazugehören, obwohl du weißt, warum du dich für einen bestimmten Weg entschieden hast.

Damit verändert sich auch die Frage, die du dir stellst.

Wenn du merkst, dass dir bestimmte Entscheidungen immer wieder schwerfallen oder du an ähnlichen Punkten regelmäßig ins Grübeln kommst, lohnt es sich genauer hinzuschauen.

Statt immer weiter nach der perfekten oder zweifelsfrei richtigen Entscheidung zu suchen, kannst du prüfen: Fehlen dir noch Informationen? Oder fehlt dir Klarheit darüber, woran du diese Entscheidung eigentlich ausrichten möchtest?

Und wenn es um die zweite Frage geht, führt der Blick schnell zu grundsätzlicheren Themen: Was ist dir wirklich wichtig? Wie möchtest du leben?

Solche Fragen lassen sich nicht immer leicht allein beantworten. Gerade die eigenen Erwartungen, Rollenbilder und gewohnten Denkweisen sind oft schwer zu erkennen, weil sie für uns längst selbstverständlich geworden sind. Eine Begleitung von außen kann dabei sehr hilfreich sein.